Welches Säugetier schläft am meisten – und welches am wenigsten?
- vor 3 Tagen
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Denkt man an tierische Langschläfer, fallen den meisten von uns wohl Faultiere und Koalas ein. Andere vermuten auch, dass Fledermäuse mehr schlafen als alle anderen Säuger. Tatsächlich ist die Antwort aber – wie so oft in der Zoologie – kompliziert.
Der kürzeste Schläfer unter den bisher untersuchten Säugetieren ist hingegen recht eindeutig.
Warum schlafen Säugetiere überhaupt?
Schlaf gehört zu den wichtigsten biologischen Grundfunktionen. Während dieser Zeit verarbeitet das Gehirn Informationen, unterstützt Lern- und Gedächtnisprozesse und fördert die Regeneration des Körpers.¹ Der Schlaf durchläuft dabei verschiedene Phasen, die unterschiedliche Aufgaben erfüllen. Auch wenn wir bis heute nicht alle Funktionen des Schlafs vollständig kennen, gilt als sicher: Alle (bisher untersuchten) Säugetiere schlafen regelmäßig – allerdings unterschiedlich lange.²

Der Afrikanische Elefant – der kürzeste bekannte Schläfer
Unter den Säugetieren schläft der Afrikanische Elefant (Loxodonta africana) – nach heutigem Kenntnisstand – am wenigsten. Das ergab eine Untersuchung an zwei frei lebenden Elefanten-Matriarchinnen im Chobe-Nationalpark in Botswana. Da eine direkte EEG-Messung bei freilebenden Tieren nicht möglich war, erfassten Forscher mithilfe eines unter die Haut des Rüssels implantierten Aktivitätssensors sowie GPS-Halsbändern länger anhaltende Ruhephasen als Näherungswert für Schlaf.³
Das überraschende Ergebnis: Die Tiere verbrachten durchschnittlich nur etwa zwei Stunden pro Tag in Schlaf oder schlafähnlicher Ruhe. Meist nachts zwischen zwei und sechs Uhr morgens. Nur alle drei bis vier Tage legten sich die Elefanten für rund eine Stunde nieder, ansonsten ruhten sie im Stehen.
An einzelnen Tagen verzichteten die Tiere sogar vollständig auf jede erkennbare Ruhephase – bei einigen Gelegenheiten zeigten sie bis zu 46 Stunden keine Anzeichen von Schlaf, mutmaßlich wegen längerer Wanderungen oder Störungen durch andere Elefanten oder Raubtiere.³
Die Forscher weisen darauf hin, dass diese Messmethode Schlaf eher über- als unterschätzt – der tatsächliche Schlaf der Tiere könnte demnach sogar noch geringer ausgefallen sein als die gemessenen zwei Stunden.³
Bis heute wurde bei keinem anderen Säugetier eine kürzere durchschnittliche Ruhe- bzw. Schlafdauer nachgewiesen. Vergleichbare Schlafzeiten wurden zwar auch bei See-Elefanten (Mirounga) gemessen. Allerdings nur vorübergehend bei der Jagd auf hoher See. An Land schliefen sie deutlich länger.
Die Giraffe: ein Kurzschläfer mit unsicherer Datenlage
Auch die Giraffe wird oft als extremer Kurzschläfer genannt. Der Mythos sagt, sie komme in freier Wildbahn mit 30 Minuten bis zwei Stunden Schlaf pro Tag aus. Anders als beim Elefanten steht dahinter aber keine wirklich verlässliche Messung.
Eine aktuelle Studie hat wilde Giraffen in Namibia mit Bewegungssensoren beobachtet. Ergebnis: Die Tiere standen oder lagen nachts rund acht Stunden ruhig – doch nur etwa neun Minuten davon ließen sich eindeutig als Schlaf erkennen. Der Rest bleibt unklar, denn bei einem ruhig stehenden Tier ist nicht erkennbar, ob es dabei wach ist oder schläft.⁹ Es kann also auch wesentlich mehr geschlafen haben. Die "unter zwei Stunden"-Zahl aus der freien Wildbahn ist also reine Vermutung, keine gesicherte Messung.
Klarer ist die Lage bei Zootieren: Acht beobachtete Giraffen schliefen dort im Schnitt etwa 4,6 Stunden pro Nacht.⁸

Warum Langschläfer viel schwieriger zu ermitteln sind
Anders als beim Elefanten gibt es für den längsten Schlaf keinen wissenschaftlich gesicherten Rekordhalter. Der Grund liegt in der Logik der Messung.
Schlaf ist immer nur ein Teil der gemessenen Ruhezeit. Ruht ein Tier insgesamt nur zwei Stunden, kann es auch nur höchstens zwei Stunden geschlafen haben – wie beim Elefanten. Bei einer langen Ruhezeit gilt das aber nicht umgekehrt: Ein Tier kann viele Stunden ruhig daliegen und dabei trotzdem nur einen kleinen Teil davon wirklich schlafen. Genau das ist bei vielen häufig zitierten Werten der Fall: Sie trennen nicht zwischen Ruhezeit und tatsächlichem Schlaf – deshalb lässt sich aus einer hohen Ruhezeit auch kein gesicherter Langschlaf-Rekord ableiten.
Die Kleine Braune Fledermaus
Regelmäßig wird die in Nordamerika heimische Kleine Braune Fledermaus (Myotis lucifugus) mit rund 20 Stunden Schlaf pro Tag als Weltrekordhalter genannt.
Allerdings beruht der Wert im Wesentlichen auf einer einzelnen, kaum dokumentierten Messung aus den 1970er-Jahren. Fledermäuse verbringen außerdem einen Teil ihrer Ruhezeit im sogenannten Torpor, einem Energiesparzustand, der sich im EEG nicht immer eindeutig vom eigentlichen Schlaf abgrenzen lässt. In Vergleichsstudien kommen andere Fledermausarten nur auf knapp 15 Stunden.⁴ Deshalb sehen Schlafforscher den 20-Stunden-Rekord heute kritisch.

Das Faultier
Auch die in den Regenwäldern Lateinamerikas heimischen Faultiere, insbesondere die Dreifinger-Faultiere, gelten als extreme Langschläfer. Beobachtet wurden Ruhezeiten von über 16 Stunden pro Tag – allerdings in Gefangenschaft.
Moderne Untersuchungen mit mobilen EEG-Geräten an frei lebenden Tieren kamen zu einem anderen Ergebnis: Im natürlichen Lebensraum schliefen die Tiere durchschnittlich nur rund 9,6 Stunden pro Tag – über sechs Stunden weniger als in Gefangenschaft.⁶ Eine Folgestudie an weiteren Faultierarten bestätigte diesen erheblich niedrigeren Wert.⁷
So macht das Faultier deutlich, wie stark sich das Verhalten von Wildtieren in menschlicher Obhut verändern und von ihren frei lebenden Artgenossen abweichen kann.

Die Hauskatze
Auch die Hauskatze (Felis catus) gehört zu den Langschläfern unter den Säugetieren. Mehrere ältere, aber immerhin EEG-basierte Studien im Labor ergaben Werte von täglich 10 bis 13 Stunden Schlaf.² Die Katze schläft jedoch nicht stundenlang am Stück. Vielmehr wechseln sich Schlaf-, Dös- und Aktivitätsphasen über den gesamten Tag und die Nacht ab. Als Jäger spart sie so Energie für ihre kurzen, dann aber sehr intensiven Jagdphasen.
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Der Koala
Der Koala (Phascolarctos cinereus) wird ebenfalls oft als größter Langschläfer bezeichnet. Häufig liest man, er schlafe 18 bis 22 Stunden täglich. Auch hierbei handelt es sich aber wohl wieder um die gesamte Ruhezeit und nicht um die reine Schlafdauer.
Denn die bekannteste Feldstudie zu diesem Thema zeichnet ein differenzierteres Bild. Frei lebende Koalas verbrachten demnach pro 24 Stunden durchschnittlich 14,5 Stunden schlafend, 4,8 Stunden wach-ruhend und rund 4,7 Stunden fressend.⁵
Aber auch diese Unterscheidung beruht – wie schon bei den anderen Langschläfer-Kandidaten in diesem Artikel – nur auf visueller Beobachtung, nicht auf einer Hirnstrommessung. Ob ein Koala schläft oder nur mit geschlossenen Augen ruht, lässt sich von außen nicht immer zweifelsfrei erkennen. Die 14,5 Stunden sind also der beste verfügbare Schätzwert – aber kein zweifelsfrei gesicherter Messwert. Ein wissenschaftlich abgesicherter Schlafrekord lässt sich aus den kursierenden Werten nicht ableiten.

Der Mensch im Vergleich
Mit einer empfohlenen Schlafdauer von sieben bis neun Stunden pro Nacht liegt der Mensch ungefähr im Mittelfeld der Säugetiere. Objektive Messungen an mehreren Millionen Nächten zeigen einen tatsächlichen Durchschnitt von etwa 7,4 bis 7,7 Stunden – nah am unteren Ende der Empfehlung, wenn auch mit großen individuellen Schwankungen.¹⁰
Aber auch für Menschen gilt: Anhaltender Schlafmangel beeinträchtigt Konzentration, Gedächtnis und Leistungsfähigkeit. Und langfristig auch die Gesundheit.¹
Übersicht: Wissenschaftlich untersuchte Schlafdauer von Säugetieren
Afrikanischer Elefant
Schlafdauer: ca. 2 Stunden
Wissenschaftliche Einordnung:
Aktivitätssensor statt EEG. Die tatsächliche Schlafdauer könnte sogar noch geringer gewesen sein.
Giraffe
Schlafdauer: ca. 4,6 Stunden (Zoo)
Wissenschaftliche Einordnung:
Freilanddaten erlauben keine sichere Bestimmung der tatsächlichen Schlafdauer.
Mensch
Schlafdauer: durchschnittlich 7,4–7,7 Stunden
Wissenschaftliche Einordnung:
Objektive Schlafmessungen aus mehr als 11 Millionen Nächten.
Dreifinger-Faultier
Schlafdauer: ca. 9,6 Stunden
Wissenschaftliche Einordnung:
EEG-Messungen an frei lebenden Tieren.
Hauskatze
Schlafdauer: 10–13 Stunden
Wissenschaftliche Einordnung:
EEG-Studien, allerdings überwiegend an Labortieren.
Koala
Schlafdauer: ca. 14,5 Stunden (+ 4,8 Stunden Ruhezeit)
Wissenschaftliche Einordnung:
Visuelle Feldbeobachtung ohne EEG. Schlaf und Ruhe lassen sich daher nicht eindeutig unterscheiden.
Kleine Braune Fledermaus
Schlafdauer: bis zu 20 Stunden
Wissenschaftliche Einordnung:
Beruht im Wesentlichen auf einer einzelnen älteren Studie und gilt heute als umstritten.
Warum unterscheiden sich die Schlafzeiten so stark?
Wie lange ein Säugetier schläft, hängt von mehreren Faktoren ab. Große Pflanzenfresser wie Elefanten oder Giraffen müssen einen erheblichen Teil des Tages mit Fressen und Wandern verbringen und haben deshalb wenig Zeit zum Schlafen. Tiere mit energiereicherer Nahrung oder geringerer Bedrohung durch Fressfeinde können sich dagegen deutlich längere Ruhephasen leisten.² Der Stoffwechsel spielt ebenfalls eine wichtige Rolle.
Fazit
Nach heutigem Forschungsstand schläft kein wissenschaftlich untersuchtes Säugetier so wenig wie der Afrikanische Elefant. Beim anderen Ende der Skala bleibt die Antwort dagegen offen: Die Kleine Braune Fledermaus wird zwar häufig als Rekordhalter genannt, doch der zugrunde liegende Wert ist sehr umstritten. Der Koala gehört dagegen zweifellos zu den größten Langschläfern und verbringt den Großteil seines Tages schlafend oder ruhend.
Das Beispiel der Schlafdauer macht deutlich, dass Tierrekorde nicht in Stein gemeißelt sind. Mit jeder neuen Untersuchung lernen wir die Tierwelt ein Stück besser kennen – und nicht selten stellt sich dabei heraus, dass selbst scheinbar gesicherte Rekorde noch einmal neu bewertet werden müssen.
Quellen
1 Siegel, J. M. (2005). Clues to the functions of mammalian sleep. Nature, 437(7063), 1264–1271. https://doi.org/10.1038/nature04285
2 Campbell, S. S., & Tobler, I. (1984). Animal sleep: A review of sleep duration across phylogeny. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 8(3), 269–300. https://doi.org/10.1016/0149-7634(84)90054-X
3 Gravett, N., Bhagwandin, A., Sutcliffe, R., Landen, K., Chase, M. J., Lyamin, O. I., Siegel, J. M., & Manger, P. R. (2017). Inactivity/sleep in two wild free-roaming African elephant matriarchs – Does large body size make elephants the shortest mammalian sleepers? PLOS ONE, 12(3), e0171903. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0171903
4 Harding, C. D., Yovel, Y., Peirson, S. N., Hackett, T. D., & Vyazovskiy, V. V. (2022). Re-examining extreme sleep duration in bats: Implications for sleep phylogeny, ecology, and function. Sleep, 45(8), zsac064. https://doi.org/10.1093/sleep/zsac064
5 Nagy, K. A., & Martin, R. W. (1985). Field metabolic rate, water flux, food consumption and time budget of koalas, Phascolarctos cinereus (Marsupialia: Phascolarctidae), in Victoria. Australian Journal of Zoology, 33(5), 655–665. https://doi.org/10.1071/ZO9850655
6 Rattenborg, N. C., Voirin, B., Vyssotski, A. L., Kays, R. W., Spoelstra, K., Kuemmeth, F., Heidrich, W., & Wikelski, M. (2008). Sleeping outside the box: Electroencephalographic measures of sleep in sloths inhabiting a rainforest. Biology Letters, 4(4), 402–405. https://doi.org/10.1098/rsbl.2008.0203
7 Voirin, B., Scriba, M. F., Martinez-Gonzalez, D., Vyssotski, A. L., Wikelski, M., & Rattenborg, N. C. (2014). Ecology and neurophysiology of sleep in two wild sloth species. Sleep, 37(4), 753–761. https://doi.org/10.5665/sleep.3584
8 Tobler, I., & Schwierin, B. (1996). Behavioural sleep in the giraffe (*Giraffa camelopardalis*) in a zoological garden. Journal of Sleep Research, 5(1), 21–32. https://doi.org/10.1046/j.1365-2869.1996.00010.x
9 Burger-Schulz, A. L., Thiel, E., Fennessy, J., Fennessy, S., & Dierkes, P. W. (2023). Accelerometry reveals nocturnal biphasic sleep behavior in wild giraffe. Frontiers in Mammal Science, 2, 1243883. https://doi.org/10.3389/fmamm.2023.1243883
10 Scott, Naik, Lechat et al. (2024). Are we getting enough sleep? Frequent irregular sleep found in an analysis of over 11 million nights of objective in-home sleep data. Sleep Health 10(1), 91–97. DOI: 10.1016/j.sleh.2023.10.016




