Quallen an Nord- und Ostsee: Harmlos oder gefährlich?
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Ein sonniger Tag am Strand, perfekt zum Schwimmen. Doch gleichzeitig sieht man immer wieder Quallen im Wasser treiben oder im Sand liegen. Eine Gefahr?
Die Entwarnung vorweg: Der allergrößte Teil der an deutschen Küsten heimischen Quallen ist für uns Menschen völlig harmlos. Dennoch gibt es auch Arten, deren Berührung schmerzhaft ist.
Fast alle Quallen an Nord- und Ostseeküste sind harmlos
Weltweit gibt es mehrere Tausend Quallenarten, doch in den kühlen Gewässern der Nord- und Ostsee ist die Vielfalt überschaubar. Hier ist nur eine Handvoll großer Schirmquallen heimisch, die Badegästen an den Küsten regelmäßig begegnen (1). Hinzu kommen allerdings immer mehr invasive Arten, die beispielsweise über das Ballastwasser von Schiffen eingeschleppt werden und sich aufgrund veränderter Umweltbedingungen nun auch in europäischen Meeren etablieren (2).
Die überwältigende Mehrheit der Quallen, die im Sommer an unsere Strände gespült werden oder im Flachwasser treiben, ist aber für den Menschen völlig harmlos. Den mit Abstand größten Anteil an den heimischen Sichtungen haben drei Arten:
Die Ohrenqualle (Aurelia aurita)
Der Ohrenqualle begegnen wir im flachen Wasser am häufigsten. Man erkennt sie leicht an den vier charakteristischen, rosa-violetten Hufeisenmustern (den Geschlechtsorganen) im Zentrum des ansonsten transparenten Schirms. Ihre Nesselzellen sind zu schwach, um die menschliche Haut zu durchdringen. (1)

Die Wurzelmundqualle (Rhizostoma octopus)
Ein weiterer sehr häufiger Gast ist vor allem im Spätsommer und Frühherbst zu sehen. Oft wird die Wurzelmundqualle durch Strömungen in großen Schwärmen in die Buchten getrieben, sodass man an manchen Tagen gleich etlichen Exemplaren im Flachwasser begegnet. Sie ist massiv und wird sehr groß (bis zu 60 Zentimeter Schirmdurchmesser). Der bläulich-weiß schimmernde Schirm besitzt einen markanten, tiefblau-violetten Rand. Anders als andere Schirmquallen besitzt sie keine langen Tentakel, sondern acht fleischige, stark gekräuselte Mundarme, die an die Struktur eines Blumenkohls erinnern. Für Menschen gilt die Wurzelmundqualle als weitgehend harmlos: Ihre Nesselzellen können die menschliche Haut normalerweise nicht wirksam durchdringen, sodass ein Kontakt meist keine oder nur geringe Beschwerden verursacht. An besonders empfindlichen Stellen wie Lippen oder Augen sowie vorgeschädigter Haut kann eine Berührung jedoch zu leichtem Brennen, Rötungen oder anderen Hautreizungen führen. (3)

Die Meerwalnuss (Mnemiopsis leidyi) – keine echte Qualle
Sie sieht aus wie eine kleine Qualle, gehört biologisch aber zu den sogenannten Rippenquallen. Sie ist damit keine echte Qualle und auch kein Nesseltier. Ursprünglich stammt die Meerwalnuss aus den Küstengewässern Amerikas. Für Menschen ist sie völlig harmlos: Da sie nicht zu den Nesseltieren gehört, besitzt sie auch keine Nesselzellen, sticht nicht und fasziniert im Dunkeln stattdessen durch schimmernde Lichtbrechung an ihren Kammplatten. (2)

Vor welchen Quallen sollte man sich in Acht nehmen?
Nur wenige Arten in Nord- und Ostsee besitzen Nesselkapseln, die die menschliche Haut wirksam durchdringen können. Eine Berührung mit diesen Arten erzeugt ein schlagartiges, intensives Brennen, ähnlich dem Kontakt mit Brennnesseln oder leichten Wespenstichen, gefolgt von Rötungen und Quaddeln. (4)
Zu den nesselnden Vertretern gehören vor allem:
Die Gelbe Haarqualle/"Feuerqualle" (Cyanea capillata)
Die Gelbe Haarqualle, umgangssprachlich oft als Feuerqualle bezeichnet, ist im flachen Wasser insgesamt deutlich seltener anzutreffen als die Ohrenqualle. Die Wahrscheinlichkeit hängt dabei stark vom Urlaubsort ab. In der Nordsee kommt sie regelmäßig vor, sodass Begegnungen während der gesamten Badesaison möglich sind. In der Ostsee tritt sie hingegen meist nur phasenweise im Spätsommer auf, wenn anhaltende Westwinde salzreiches Wasser an die Küsten drücken (1). Für Ostsee-Urlauber ist ein Kontakt an gewöhnlichen Tagen daher extrem unwahrscheinlich. Bei starken auflandigen Winden können jedoch zehntausende Quallen an die Strände der Nordsee sowie auch in die großen Buchten der Ostsee getrieben werden. Bei solchen lokalen Quallenplagen behandeln Rettungsschwimmer an betroffenen Hotspots oft Dutzende Badegäste an einem einzigen Tag. Optisch ist die Feuerqualle glücklicherweise unverwechselbar: Ihr Schirm ist gelblich-braun bis tiefrot gefärbt.

Die Blaue Haarqualle (Cyanea lamarckii)
Sie trägt einen intensiv blau-violetten Schirm, ist nah mit der Feuerqualle verwandt und verursacht ähnliche Hautreaktionen (4). Während die Blaue Haarqualle jedoch in der Ostsee aufgrund deren geringeren Salzgehaltes eine Ausnahmeerscheinung ist (1), gehört sie in der Nordsee zu den sehr häufigen Arten. Dort begegnet man ihr im Sommer ähnlich regelmäßig wie der Feuerqualle, wobei sie oft etwas früher in der Saison an den Stränden auftritt.

Die Kompassqualle (Chrysaora hysoscella)
Sie ist an ihrem weißlich-gelben Schirm mit den 16 charakteristischen, braun-rötlichen V-förmigen Radialstreifen leicht zu erkennen, die an eine Kompassrose erinnern. In der Nordsee ist sie vor allem in den wärmeren Sommermonaten ein regelmäßiger Gast, während sie in der salzarmen Ostsee praktisch nicht vorkommt (1). An ihren langen Randtentakeln sitzen Nesselkapseln, die bei Berührung ebenfalls schmerzhafte, brennnesselartige Striemen und Hautreizungen hervorrufen (4).

Eine Faustregel, die mit Vorsicht zu genießen ist
An Nord- und Ostsee hört man häufig eine Faustregel, um schmerzhafte Quallen von harmlosen Arten zu unterscheiden:
Transparenter Schirm + ohne lange Fäden = meist harmlos (z. B. Ohrenqualle)
Kräftig gefärbter Schirm + lange Tentakel = oft schmerzhaft (z. B. Haarquallen)
Im Wasser funktioniert diese Regel einigermaßen zuverlässig. Aber Vorsicht am Strand: Außerhalb des Wassers kollabiert der Schirm der Quallen, und die Tiere ziehen ihre feinen Nesselbänder zu einem unscheinbaren, schleimigen Klumpen zusammen oder verlieren Teile davon in der Brandung, sodass sie kein zuverlässiges Merkmal mehr sind.
Da die Nesselkapseln auch bei verendeten oder scheinbar „fadenlosen“ Quallen am Spülsaum noch viele Stunden lang aktiv bleiben, gilt:
Farbige Quallen und Quallenreste im Sand niemals mit bloßen Händen berühren!
Oder noch besser: Wilde Tiere (auch tote) grundsätzlich nicht anfassen!

Erste Hilfe bei Quallenstichen
Sollte es trotz aller Vorsicht zu einer Berührung mit einer Kompass- oder Haarqualle gekommen sein, gilt: Ruhe bewahren und zügig das Wasser verlassen. Danach empfehlen Rettungsorganisationen wie die DLRG und die Giftnotrufzentralen folgende Schritte:
1. Spülen Sie die betroffene Hautstelle mit Meerwasser ab!
Niemals Süßwasser verwenden. Süßwasser führt durch den osmotischen Schock dazu, dass noch unversehrte Nesselkapseln auf der Haut sofort aufplatzen und weiteres Gift in die Wunde abgeben. (4)
Keinen Essig, Urin oder Alkohol verwenden. Während Essigsäure bei manchen tropischen Quallenarten hilft, löst sie bei der heimischen Gelben Haarqualle das schlagartige Entladen verbliebener Nesselzellen aus. Auch Alkohol oder Urin sind ungeeignet.
Niemals reiben. Vermeiden Sie das Abreiben mit Handtüchern oder Händen. (4,5)
2. Nesselkapseln entfernen
Oft kleben noch winzige, nicht ausgelöste Nesselkapseln auf der Haut. Tragen Sie nassen Sand auf die betroffene Stelle auf und lassen Sie ihn kurz antrocknen. Anschließend streifen Sie den Sand vorsichtig mit einem flachen, stumpfen Gegenstand (z. B. einer EC-Karte) ab. (4)
3. Schmerzlinderung nach dem Entfernen
Akutphase: Hitze statt Kälte. Ist die Haut von den Kapseln befreit, wird das Eintauchen in noch erträglich heißes Leitungswasser (40 - 45 °C) für 15 - 20 Minuten empfohlen, da die Wärme nach derzeitigem Kenntnisstand Schmerzen rasch lindert und die Eiweißbestandteile vieler Tiergifte hitzeempfindlich sind. (4,5)
Nachsorge: Kühlung und Salben. Sobald die Nesselzellen inaktiviert sind und das Gift neutralisiert ist, wechselt das Problem von der Giftwirkung zur lokalen Entzündungsreaktion (Rötung, Schwellung, Juckreiz). Hier wirken Kälte und Salben entlastend.
4. Warnsignale für Allergiker (Notfall)
Für gesunde Menschen ist der Kontakt mit heimischen Brennquallen zwar sehr unangenehm, aber harmlos. Besondere Vorsicht ist jedoch bei Personen geboten, die allgemein zu allergischen Reaktionen neigen. Bei ihnen kann der Nesselstich eine Überreaktion bis hin zum lebensgefährlichen anaphylaktischen Schock auslösen. Treten neben dem lokalen Brennen plötzliche Symptome wie Schwindel, Übelkeit, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Atemnot oder ein starkes Anschwellen des Gesichts auf, sollte unverzüglich der Rettungsdienst alarmiert werden. (6)
Fazit
Ein Zusammentreffen mit Quallen an Nord- und Ostsee ist nicht selten, aber kein Grund zur Panik. Die überwältigende Mehrheit der heimischen Tiere – allen voran die allgegenwärtige Ohrenqualle – ist für Menschen harmlos.
Sollte es zu einem Kontakt mit einer Gelben oder Blauen Haarqualle oder einer Kompassqualle kommen, gilt: Ruhe bewahren, die Stelle mit Meerwasser spülen und verbliebene Nesselkapseln mechanisch (etwa mit Strandsand und einer Plastikkarte) entfernen. Sollten allerdings zusätzlich allergische Reaktionen (Herz-Kreislauf, Übelkeit, Atemnot, Gesichtsschwellung) auftreten, sollte unverzüglich ärztliche Hilfe gesucht werden.
Wichtiger Hinweis (Medizinischer Haftungsausschluss): Die in diesem Artikel bereitgestellten Inhalte und Erste-Hilfe-Hinweise dienen ausschließlich der allgemeinen Information. Sie basieren auf öffentlich zugänglichen Empfehlungen von Rettungsorganisationen (wie der DLRG) und Fachpublikationen, stellen jedoch keine medizinische Beratung, Diagnose oder Therapieanweisung dar. Bei schweren Nesselverbrennungen, allergischen Reaktionen, Kreislaufbeschwerden oder Symptomen im Kopf- und Schleimhautbereich ist umgehend der Rettungsdienst (Notruf 112) oder die örtliche DLRG-Wachstation aufzusuchen. Für die Richtigkeit, Vollständigkeit und Aktualität der Angaben sowie für eventuelle Schäden, die aus der Anwendung der beschriebenen Maßnahmen resultieren, wird keine Haftung übernommen.
Quellen:
(1) Russell, F. S. (1970). The Medusae of the British Isles: Volume II. Pelagic Scyphozoa with a supplement to the first volume on Hydromedusae. Cambridge University Press.
(2) Javidpour, J., Sommer, U., & Shiganova, T. (2006). First record of Mnemiopsis leidyi A. Agassiz 1865 in the Baltic Sea. Aquatic Invasions, 1(4), 299–302. https://doi.org/10.3391/ai.2006.1.4.17
(3) Holst, S., Sötje, I., Tiemann, H., & Jarms, G. (2007). Life cycle of the rhizostome jellyfish Rhizostoma octopus (L.) (Scyphozoa, Rhizostomeae), with studies on cnidocysts and statoliths. Marine Biology, 151(5), 1695–1710. https://doi.org/10.1007/s00227-006-0594-8
(4) Cegolon, L., Heymann, W. C., Lange, J. H., & Mastrangelo, G. (2013). Jellyfish stings and their management: A review. Marine Drugs, 11(2), 523–550. https://doi.org/10.3390/md11020523
(5) Ward, N. T., Darracq, M. A., Tomaszewski, C., & Clark, R. F. (2012). Evidence-based treatment of jellyfish stings in North America and Hawaii. Annals of Emergency Medicine, 60(4), 399–414. https://doi.org/10.1016/j.annemergmed.2012.04.010
(6) Ring, J., Beyer, K., Biedermann, T., Bircher, A., Fischer, M., Fuchs, T., Heller, A., Hoffmann, F., Huttegger, I., Jakob, T., Klimek, L., Kopp, M. V., Kugler, C., Lange, L., Pfaar, O., Rietschel, E., Rueff, F., Schnadt, S., Seifert, R., … Brockow, K. (2021). Messages for patients and relatives from the 2021 update of the guideline on acute therapy and management of anaphylaxis. Allergo Journal International, 30(7), 243–248. https://doi.org/10.1007/s40629-021-00185-3
Abbildungen:
Abb. 1: Noordwijk - Oorkwal (Aurelia aurita) (zugeschnitten) von Rudolphous, Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Noordwijk_-Oorkwal(Aurelia_aurita).jpg), lizenziert unter CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de).
Abb. 2: Wurzelmundqualle (Rhizostoma octopus) auf Juist. Eigene Aufnahme
Abb. 3: Sea Walnut (Mnemiopsis leidyi) (zugeschnitten) von shahar chaikin, iNaturalist via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mnemiopsis_leidyi_247259012.jpg), lizenziert unter CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de).
Abb. 4: Lion's mane jellyfish in Gullmarn fjord at Sämstad 3 (Cyanea capillata) (zugeschnitten) von W.carter, Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Lion%27s_mane_jellyfish_in_Gullmarn_fjord_at_S%C3%A4mstad_3.jpg), lizenziert unter CC0 1.0 (https://creativecommons.org/publicdomain/zero/1.0/deed.de).
Abb. 5: Blue jellyfish stranded on Ardmair beach (Cyanea lamarckii) (zugeschnitten) von Eirian Evans, Geograph Britain and Ireland via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Blue_jellyfish_stranded_on_Ardmair_beach_(Cyanea_lamarckii)_-geograph.org.uk-_7461231.jpg), lizenziert unter CC BY-SA 2.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/deed.de).
Abb. 6: Acalèphe rayonné (Chrysaora hysoscella) à Sainte-Cécile-Plage, Camiers (zugeschnitten) von JackyM59, Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Acal%C3%A8phe_rayonn%C3%A9_(Chrysaora_hysoscella)_-_Sainte-C%C3%A9cile-Plage.jpg), lizenziert unter CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de).
Abb. 7: Jellyfish sting in Cavalaire-sur-Mer, France (52724043354) (zugeschnitten) von Daniel Mietchen, Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jellyfish_sting_in_Cavalaire-sur-Mer,France(52724043354).jpg), lizenziert unter CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de)



