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Können Libellen stechen?

  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

„Pferdetod“, „Teufelsbolzen“ oder „Augenbohrer“ – kaum ein Insekt trägt so viele unheimliche Namen wie die Libelle. Noch heute hält sich hartnäckig der Glaube, dass Libellen stechen können. Mancherorts heißt es, mehrere Stiche seien gefährlich oder sogar tödlich.


Gemeine Becherjungfer (Enallagma cyathigerum)
Gemeine Becherjungfer (Enallagma cyathigerum)

Libellen können nicht stechen

Libellen (Ordnung Odonata) besitzen keinen Stachel und keinen Giftapparat. Im Gegensatz zu Bienen, Wespen oder Hornissen fehlt ihnen damit die anatomische Voraussetzung, um stechen zu können. Ein aktiver Stich ist biologisch unmöglich.


Woher stammt dieser Mythos?

Der Irrglaube hat mehrere Ursachen, die sich historisch gut nachvollziehen lassen. Ein wesentlicher Faktor ist die Verwechslung mit tatsächlich stechenden Insekten. Libellen halten sich bevorzugt in Gewässernähe auf – genau dort, wo auch Mücken, Bremsen und andere stechende Arten vorkommen. Für Beobachter ist daher nicht immer eindeutig, welches Insekt gerade wahrgenommen wird oder gestochen hat.

Hinzu kommen gruselige überlieferte Volksnamen wie „Augenbohrer“, „Teufelsnadel“ oder „Pferdestecher“. Solche Bezeichnungen stammen aus Zeiten, in denen über Libellen nicht viel bekannt war und auffälligen oder rätselhaften Tieren häufig mit Aberglauben begegnet wurde. Zudem wirkt der Ovipositor am Körperende einiger Arten wie ein Stachel (s. Abbildung). Er dient jedoch nicht als Waffe, sondern ausschließlich der Eiablage.


Aber auch das Verhalten der Libellen kann missverstanden werden: Sie fliegen sehr schnell und zielgerichtet und nähern sich dabei gelegentlich auch Menschen mit hoher Geschwindigkeit. Dieses Verhalten ist typisch bei ihrer Jagd auf andere Insekten, kann aber als Angriff missverstanden werden.


Weibliche Große Königslibelle (Anax imperator) mit stachelähnlichem Ovipositor
Weibliche Große Königslibelle (Anax imperator) mit stachelähnlichem Ovipositor
Große Königslibelle bei der Eiablage. Der Ovipositor am Körperende ist kein Stachel, sondern dient zur gezielten Eiablage an Pflanzen oder anderen geeigneten Strukturen im Wasser
Große Königslibelle bei der Eiablage. Der Ovipositor am Körperende ist kein Stachel, sondern dient zur gezielten Eiablage an Pflanzen oder anderen geeigneten Strukturen im Wasser

Können Libellen beißen?

Ja – aber das ist harmlos. Libellen besitzen kräftige Mundwerkzeuge (Mandibeln), mit denen sie ihre Beute festhalten und zerkleinern. Große Arten können bei direktem Kontakt durchaus spürbar zubeißen.

Menschen beißen sie jedoch sehr selten, z. B. wenn man sie festhält. Dabei ist der Biss aber höchstens leicht spürbar und in aller Regel nicht stark genug, um die Haut zu verletzen. Er erfolgt ausschließlich zur Verteidigung. Libellen greifen Menschen nicht aktiv an.





Libellen sind nützliche Jäger

Was für uns harmlos ist, ist für andere Insekten tödlich. Libellen gehören mit einer Erfolgsquote von 95 % zu den effizientesten Räubern unter den Insekten*. Sie fangen ihre Beute direkt im Flug und ernähren sich unter anderem von Mücken, Fliegen und anderen kleinen Insekten.

Bereits ihre Larven sind aktive Jäger. Sie leben im Wasser und erbeuten dort Mückenlarven, andere Wasserinsekten sowie gelegentlich sogar kleine Kaulquappen oder Fischbrut. Damit wirken Libellen sowohl im Wasser als auch in der Luft und tragen zur natürlichen Regulierung von Insektenpopulationen bei.


Warum wirken Libellen trotzdem bedrohlich?

Ihr Erscheinungsbild kann auf viele Menschen ungewohnt oder sogar beunruhigend wirken:

  • sehr große Facettenaugen, die fast den gesamten Kopf einnehmen

  • ein langer, schlanker Körper

  • oft auffällige, glänzende oder metallische Farben

  • bei einigen Arten stachelähnlicher Ovipositor

  • große Arten mit lautem Fluggeräusch (Summen, Brummen)

Hinzu kommen ihre außergewöhnlichen Flugfähigkeiten: Libellen können vorwärts, rückwärts und seitwärts fliegen, in der Luft stehen bleiben und abrupt die Richtung wechseln.

Diese Kombination aus Aussehen und Beweglichkeit wirkt auf viele Beobachter ungewohnt und wird daher gelegentlich als bedrohlich empfunden – auch wenn von Libellen tatsächlich keinerlei Gefahr ausgeht.


Fazit

Libellen sind vollkommen ungefährlich. Sie können weder stechen noch ernsthaft beißen und stellen für den Menschen keinerlei Bedrohung dar. Der Mythos vom „stechenden Insekt“ hält sich bis heute, gehört jedoch eindeutig ins Reich der Legenden. Tatsächlich sind Libellen faszinierende Flugkünstler, hochspezialisierte Jäger und nützliche Helfer im Ökosystem.


Quellen:

* Mischiati, M., Lin, HT., Herold, P. et al. Internal models direct dragonfly interception steering. Nature 517, 333–338 (2015). https://doi.org/10.1038/nature14045

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