Giftige Spinnen in Deutschland?
- vor 10 Stunden
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Gibt es bei uns wirklich Giftspinnen?
(Fast) alle Spinnen sind giftig
Ob es auch bei uns Giftspinnen gibt, ist eigentlich die falsche Frage. Denn bis auf wenige Ausnahmen verfügen alle Spinnen dieser Welt, also auch die in Deutschland, über Giftdrüsen. Das Gift wird aber nicht wie z. B. bei Bienen über einen Stachel injiziert, sondern über Beißwerkzeuge, die man bei Spinnen als Cheliceren bezeichnet. Dieses Gift, meist sind es Neurotoxine, dient vor allem zur Lähmung von Beutetieren, aber wenn nötig auch zur Verteidigung.
Also sind alle Spinnen gefährlich?
Natürlich nicht! Denn um gefährlich zu sein, muss eine Spinne zwei weitere Bedingungen erfüllen. Erstens muss sie in der Lage sein, mit ihrem Biss die menschliche Haut zu durchdringen, was in Deutschland nur sehr wenige Arten können. Zweitens muss ihr Gift in seinen biochemischen Eigenschaften und der injizierten Menge so wirkungsvoll sein, dass es den Menschen schädigen kann.
Selbst eine unserer größten heimischen Arten, die Gartenkreuzspinne (Araneus diadematus), vermag es aufgrund ihrer relativ kleinen Cheliceren, nur an Körperstellen mit sehr dünner Haut einen Menschen spürbar zu beißen. Und selbst dann ist die Giftwirkung so gering, dass Betroffene den Biss meist als vergleichbar mit einem Mücken- oder schlimmstenfalls Wespenstich beschreiben und nicht behandelt werden müssen*. Auch über Bisse der häufig in Häusern anzutreffenden Großen Winkelspinne (Eratigena atrica) wird gelegentlich berichtet. Allerdings ist keiner der Berichte verifiziert und es wird lediglich von einem leichten Schmerz mit kurzzeitiger Hautrötung gesprochen.

Nur wenige Arten in Deutschland gelten als medizinisch relevant
In der Fachliteratur ist je nach Quelle von einer bis sieben Spinnenarten die Rede, deren Biss „nennenswerte Folgen“ haben kann**. Häufig angeführt wird dabei die Wasserspinne (Argyroneta aquatica), die durch ihre aquatische Lebensweise jedoch kaum mit dem Menschen in Kontakt kommt. Durch die Boulevardmedien ging jedoch in der jüngeren Vergangenheit eine andere Art: die mutmaßlich durch Pflanzenimporte von Madeira eingeschleppte Falsche Witwe (Steatoda nobilis), die den berüchtigten Schwarzen Witwen ähnelt. Dabei handelt es sich jedoch (bisher) nur um einzelne Populationen in Gartencentern und Gewächshäusern, in deren Klima sie sich wohlfühlen. Im Gegensatz zum wirklich sehr gefährlichen „Original“ ist ihr Biss jedoch harmlos und wird meist mit einem Bienenstich verglichen***.
Zur Zeit in aller Munde: die Nosferatu-Spinne
Neu hinzugekommen in der öffentlichen Wahrnehmung ist die aus dem Mittelmeerraum stammende Nosferatu-Spinne (Zoropsis spinimana). Zu ihrem Namen kam sie, weil einige Menschen in der Zeichnung ihres Vorderleibs das Gesicht eines Vampirs erkennen wollen. Die wärmeliebende Art breitet sich seit den 2000er-Jahren in Deutschland aus und wird häufig in Häusern gefunden. In der Boulevardpresse wird sie - wohl auch befeuert durch ihren Namen - gern als bedrohlich dargestellt. Tatsächlich kann die Nosferatu-Spinne menschliche Haut durchdringen und der Biss wird als durchaus schmerzhaft beschrieben. Medizinisch aber ist er harmlos.**** Mit einer Körperlänge von etwa 10 bis 20 Millimetern und einer Beinspannweite von bis zu rund fünf Zentimetern gehört sie zu den größeren Spinnentieren, die in Wohnungen anzutreffen sind.
Der Star unter den deutschen „Giftspinnen“: der Dornfinger
Doch wohl keine andere Art hat in den letzten Jahren so viel mediale Aufmerksamkeit bekommen wie der Ammen-Dornfinger (Cheiracanthium punctorium). Die bis zu 15 Millimeter lange Spinne verfügt über kräftige Beißwerkzeuge und kann problemlos die menschliche Haut durchdringen. Die Bisswirkung wird als starker brennender Schmerz beschrieben, der recht weit ausstrahlen und einige Stunden, aber auch bis zu zehn Tage spürbar sein kann**. Neben starken lokalen Schmerzen können in seltenen Fällen Schwellungen, Lymphknotenschwellungen, Fieber oder Übelkeit auftreten*****.
Im hohen Gras zuhause
Der nachtaktive Ammen-Dornfinger baut keine Fangnetze, sondern jagt aktiv. Tagsüber verbergen sich die Tiere in etwa eigroßen, recht festen Gespinsten, die sie in hohem Gras oder Gestrüpp anlegen, und nur bei Störung verlassen. Dort legen sie im Sommer auch ihre Eier. Entsprechend ereignen sich im hüfthohen Gras auch die meisten Bisse. Insbesondere die Zerstörung der Gespinste z.B. bei Mäharbeiten sollte man vermeiden.
Zunehmende Ausbreitung in Deutschland
Der wärmeliebende Ammen-Dornfinger ist vor allem in mediterranem Klima zuhause, wurde aber bereits Ende des 19. Jahrhunderts auch in Deutschland nachgewiesen. In den letzten Jahrzehnten häuften sich – begünstigt durch die Klimaerwärmung – die Funde dieser Art und auch die Fälle von gebissenen Menschen. Inzwischen ist er in weiten Teilen Deutschlands etabliert, mit Häufungen unter anderem in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und dem Saarland**.
Kein Grund zur Panik
Dennoch ist Hysterie unbegründet. Wie alle anderen bei uns lebenden oder eingeschleppten Spinnen, stellt auch diese keine lebensbedrohliche Gefahr für uns dar. Wenn der Biss auch alles andere als angenehm ist: Zu Folgeschäden oder gar Todesfällen ist es noch nie gekommen. Die Brasilianische Wanderspinne (Phoneutria nigriventer) oder die Sydney-Trichternetzspinne (Atrax robustus) spielen in einer ganz anderen Liga. Doch selbst ihr Biss kann mittlerweile durch Seren wirkungsvoll behandelt werden, so dass Todesfälle immer seltener werden.
Vom Dornfinger gebissen – was nun?
Sollte man tatsächlich vom Ammen-Dornfinger gebissen werden, gilt zunächst: Ruhe bewahren. Der Schmerz wird häufig mit einem Wespenstich verglichen und klingt meist innerhalb von 24 bis 48 Stunden deutlich ab, kann in Einzelfällen jedoch einige Tage anhalten. Die Bissstelle sollte gereinigt und desinfiziert werden, um Sekundaerinfektionen zu vermeiden. Kühlung kann Schmerzen lindern und eine Schwellung begrenzen. Elektronische Stichheiler können durch kurzfristige Wärmeeinwirkung die Schmerzempfindung beeinflussen, eine Neutralisierung des Giftes ist jedoch nicht zu erwarten. Kratzen oder Aufreiben sollte vermieden werden, da dies Schwellung und Infektionsrisiko erhöht. Ärztlicher Rat ist sinnvoll, wenn die Schmerzen auch nach mehreren Stunden unverändert stark bleiben, sich die Schwellung deutlich ausbreitet, allgemeine Krankheitszeichen auftreten oder allergische Reaktionen beobachtet werden. Wenn möglich, sollte die Spinne fotografiert werden, um eine sichere Bestimmung zu ermöglichen; Fundmeldungen sind für Fachstellen und Naturschutzbehörden von Interesse.
Quellen:
***** Nentwig, W., Blick, T., Gloor, D., Hänggi, A. & Kropf, C. (laufend aktualisiert). Spinnen Europas. Online-Bestimmungswerk.









