Der Zitteraal – ein "spannender" Fisch
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Der Zitteraal ist für seine kräftigen Stromschläge bekannt und auch gefürchtet. Aber wie erzeugt er den Strom und warum? Und kann er für Menschen gefährlich werden?
Ein südamerikanischer Gigant
Der Zitteraal (Electrophorus) lebt in den Flusssystemen des Amazonas und des Orinoko in Südamerika. Dort bewohnt er langsam fließende Gewässer, Altarme, Sümpfe und überflutete Wälder. Da das Wasser häufig trüb ist und die Sicht oft nur wenige Meter beträgt, ist dabei die Orientierung von besonderer Bedeutung.
Trotz seines Namens ist der Zitteraal nicht näher mit unserem heimischen Aal (Anguilla anguilla) verwandt, sondern gehört zu den sogenannten Neuwelt-Messerfischen (Gymnotiformes). Lange ging man davon aus, dass die Gattung der Zitteraale nur aus einer einzigen Art besteht. Erst 2019 wurde nachgewiesen, dass sie tatsächlich drei Arten umfasst: Electrophorus electricus, E. voltai und E. varii.*
Ausgewachsene Tiere können eine Körperlänge von bis zu 2,5 Metern erreichen und rund 20 Kilogramm schwer werden. Sie ernähren sich überwiegend von Fischen, erbeuten aber auch andere Wirbeltiere. Hierzu lauern Zitteraale ihrer Beute nicht regungslos auf, sondern gehen aktiv auf Nahrungssuche. Und dabei spielt Elektrizität eine ganz entscheidende Rolle.
Sein elektrisches Organ ist das stärkste im ganzen Tierreich
Die Fähigkeit, selbst Strom zu erzeugen, ist im Tierreich selten. Zwar besitzen auch einige andere Fischarten elektrische Organe, doch keine von ihnen erzeugt so hohe elektrische Spannungen wie der Zitteraal. Bei der Art Electrophorus voltai wurden Spannungen von bis zu 860 Volt gemessen – der höchste bisher wissenschaftlich nachgewiesene Wert eines lebenden Tieres.*
Das elektrische Organ eines Zitteraals besteht aus Tausenden spezialisierter Zellen, den sogenannten Elektrozyten. Jede Zelle für sich erzeugt nur sehr geringe elektrische Spannung. Erst wenn sie gleichzeitig aktiviert werden, addieren sich die vielen kleinen Spannungen zu einem kräftigen Stromstoß. Das Prinzip ähnelt einer Reihe hintereinander geschalteter Batterien: Eine einzelne Batterie liefert nur eine geringe Spannung, viele zusammen erzeugen deutlich mehr. Dabei kann der Zitteraal die Stärke seiner Entladungen je nach Bedarf dosieren.
Wozu nutzt der Zitteraal die Elektrizität?
Denn der Zitteraal nutzt seine elektrischen Entladungen für ganz unterschiedliche Aufgaben. Je nach Situation dienen sie der Jagd, der Verteidigung oder der Orientierung. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass schwache elektrische Signale auch bei der Verständigung zwischen Artgenossen eine Rolle spielen könnten.**
Bei der Jagd setzt der Fisch kräftige Stromstöße ein, um Beutetiere kampfunfähig zu machen. Die Entladungen lösen unwillkürliche Muskelkontraktionen aus, sodass ihre Opfer nicht mehr fliehen können. Anschließend kann der Zitteraal sie problemlos fressen.
Bis vor wenigen Jahren galten Zitteraale übrigens als reine Einzelgänger. 2021 konnten Wissenschaftler erstmals nachweisen, dass die Zitteraale der Art Electrophorus voltai unter bestimmten Bedingungen auch gemeinschaftlich jagen. Zahlreiche Zitteraale treiben einen Fischschwarm zusammen. Anschließend geben kleinere Gruppen nahezu gleichzeitig kräftige elektrische Entladungen ab und betäuben so einen Teil der Beute. Diese Form der sozialen Jagd war bei Zitteraalen zuvor nicht bekannt.***
Auch zur Verteidigung setzt der Zitteraal starke Stromstöße ein. Wird er an der Wasseroberfläche bedroht, kann er sich sogar teilweise aus dem Wasser aufrichten, um den Angreifer zu berühren. Durch den unmittelbaren Kontakt gelangt ein besonders großer Teil der elektrischen Energie in den Gegner, wodurch die Wirkung des Stromstoßes deutlich zunimmt.****
Zur Orientierung hingegen kommen deutlich schwächere elektrische Impulse zum Einsatz. Da sich das vom Zitteraal erzeugte elektrische Feld verändert, sobald sich ein Hindernis oder ein anderes Lebewesen nähert, kann der Fisch auch in trübem Wasser seine Umgebung wahrnehmen. Diese Form der Orientierung wird als aktive Elektroortung bezeichnet und ermöglicht es ihm, auch bei schlechten Sichtverhältnissen sicher zu navigieren.**
Dass elektrische Signale auch der Kommunikation zwischen Zitteraalen dienen, gilt als wahrscheinlich. Im Vergleich zu anderen schwach elektrischen Fischgruppen, etwa den Elefantenfischen (Mormyridae), ist diese Funktion beim Zitteraal jedoch deutlich weniger gut untersucht.**
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Ist der Zitteraal auch für Menschen und Nutztiere gefährlich?
Der Zitteraal gilt seit jeher als gefährliches Tier – nicht zuletzt wegen einer berühmten Schilderung des Naturforschers Alexander von Humboldt. Im März 1800 beobachtete er in Venezuela, wie einheimische Fischer Zitteraale fingen, indem sie Pferde in ein flaches, von den Fischen bewohntes Gewässer trieben. Die aufgeschreckten Zitteraale griffen die Pferde an; zwei ertranken, mehrere weitere brachen zusammen. Erst als die Zitteraale erschöpft waren, ließen sie von den Pferden ab und konnten von den Fischern eingesammelt werden. Lange hielt man diesen Bericht für übertrieben. Doch 2016 konnte gezeigt werden, dass Zitteraale tatsächlich aus dem Wasser springen und sich direkt gegen einen Angreifer pressen, um einen möglichst großen Teil ihrer elektrischen Energie zu übertragen – ein Verhalten, das Humboldts Schilderung im Kern plausibel erscheinen lässt.*****
Auch beim Menschen sind Unfälle dokumentiert. Eine 2025 veröffentlichte Fallstudie beschreibt zwei Verletzungen durch Zitteraale, von denen eine sogar tödlich endete. Die Stromschläge führten in beiden Fällen zu starken Muskelkontraktionen. Im tödlichen Fall gehen die Forscher davon aus, dass das Opfer infolge der Muskelkontraktionen im Wasser ertrank. Beim Überlebenden waren außerdem bestimmte Muskel- und Herzenzyme im Blut deutlich erhöht – ein Hinweis auf die erhebliche körperliche Belastung durch den Stromschlag.******
Warum ist das gefährlich – und warum meist doch nicht?
Ob ein Stromschlag gefährlich wird, hängt nicht allein von der Spannung ab. Entscheidend sind vor allem drei Faktoren: die Spannung, die Stromstärke und die Dauer der Einwirkung. Die Spannung (Volt) beschreibt die elektrische Antriebskraft, die Stromstärke (Ampere) dagegen die tatsächlich durch den Körper fließende elektrische Ladung – und damit den entscheidenden Faktor für die Wirkung auf Muskeln und Nerven. Ein Zitteraal kann zwar Spannungen von bis zu 860 Volt erzeugen, doch die tatsächlich durch einen Menschen fließende Stromstärke hängt unter anderem vom Körperkontakt, der Leitfähigkeit des Wassers und der Größe des Tieres ab. Bei einem direkten Angriff eines kleineren Zitteraals auf einen menschlichen Arm wurden beispielsweise Stromstärken von rund 40 Milliampere gemessen – schmerzhaft, jedoch im untersuchten Fall nicht lebensgefährlich.****
Die eigentliche Gefahr entsteht daher häufig nicht durch den Stromschlag selbst, sondern durch seine Folgen. Wer im Wasser die Kontrolle über seine Muskulatur verliert, kann untergehen und ertrinken – genau das wird auch bei dem beschriebenen Todesfall angenommen. Für gesunde Erwachsene an Land oder im flachen Wasser besteht dagegen meist keine akute Lebensgefahr, auch wenn ein Stromschlag äußerst schmerzhaft sein kann.
Zitteraale suchen nicht den Kontakt mit Menschen oder größeren Tieren. Sie setzen ihre starken Entladungen gegen sie ein, wenn sie sich bedroht fühlen oder keinen Fluchtweg mehr sehen.
Der Zitteraal ist nicht der einzige
Der Zitteraal ist zwar das wohl bekannteste elektrische Tier, doch nicht das einzige. Auch einige andere Fischgruppen haben im Laufe der Evolution elektrische Organe entwickelt. Es handelt sich ausschließlich um Fische. Zu den bekanntesten Vertretern gehören die Zitterrochen (Torpediniformes), die vor allem im Meer leben. Wie Zitteraale erzeugen sie kräftige Stromstöße, mit denen sie Beutetiere betäuben und sich gegen Feinde verteidigen. Ebenfalls zu den stark elektrischen Fischen zählen die afrikanischen Zitterwelse (Malapteruridae), deren Stromschläge ähnliche Aufgaben erfüllen.**

Die afrikanischen Elefantenfische (Mormyridae) hingegen nutzen ihre elektrischen Organe nicht als Waffe. Sie erzeugen ausschließlich schwache elektrische Felder, die der Orientierung in trübem Wasser und der Kommunikation dienen. Viele Arten besitzen charakteristische elektrische Signale, mit denen sie Artgenossen erkennen und Informationen austauschen können. **
Außerhalb der Fische jedoch kommen echte elektrische Organe nach heutigem Kenntnisstand nicht vor. Bei Reptilien, Amphibien, Vögeln, Säugetieren und Wirbellosen sind ebenfalls keine Arten bekannt, die aktiv elektrische Entladungen wie Zitteraale oder Zitterrochen erzeugen können.**
Fazit
Der Zitteraal ist kein echter Aal, sondern ein südamerikanischer Messerfisch mit dem stärksten bekannten elektrischen Organ im Tierreich. Er nutzt seine Stromstöße zur Jagd, zur Verteidigung und zur Orientierung im trüben Wasser. Wahrscheinlich spielen schwache elektrische Signale außerdem eine Rolle bei der Kommunikation mit Artgenossen. Für Menschen können die Stromschläge schmerzhaft und unter Umständen auch gefährlich sein. Das größte Risiko ist jedoch nicht die hohe Spannung selbst, sondern die Folgen eines Stromschlags im Wasser, etwa wenn Muskelkontraktionen zum Ertrinken führen. Solche Fälle sind bislang jedoch selten dokumentiert.
Quellen
* de Santana, C. D., Crampton, W. G. R., Dillman, C. B., Frederico, R. G., Sabaj, M. H., Covain, R., Ready, J., Zuanon, J., de Oliveira, R. R., Mendes-Júnior, R. N. G., Bastos, D. A., Teixeira, T. F., Mol, J., Ohara, W. M., Castro e Castro, N., Peixoto, L. A. W., Nagamachi, C. Y., Sousa, A. C., Montag, L. F. A., Wosiacki, W. B. (2019). Unexpected species diversity in electric eels with a description of the strongest living bioelectricity generator. Nature Communications, 10, 4000. https://doi.org/10.1038/s41467-019-11690-z
** Crampton, W. G. R. (2019). Electroreception, electrogenesis and electric signal evolution. Journal of Fish Biology, 95(1), 92–134. https://doi.org/10.1111/jfb.13922
*** Bastos, D. A., Zuanon, J., Rapp Py-Daniel, L., & de Santana, C. D. (2021). Social predation in electric eels. Ecology and Evolution, 11(3), 1088–1092. https://doi.org/10.1002/ece3.7121
**** Catania, K. C. (2017). Power transfer to a human during an electric eel’s shocking leap. Current Biology, 27(18), 2887–2891. https://doi.org/10.1016/j.cub.2017.08.034
***** Catania, K. C. (2016). Leaping eels electrify threats, supporting Humboldt's account of a battle with horses. Proceedings of the National Academy of Sciences, 113(25), 6979–6984. https://doi.org/10.1073/pnas.1604009113
****** Haddad, V., de Lima, F. C. T., Crampton, W. G. R., Monteiro, R. P., & Mendes-Júnior, R. N. G. (2025). Two clinical records of human injuries with a death caused by electric eels Electrophorus spp. Gill, 1864. Revista da Sociedade Brasileira de Medicina Tropical, 58, e0007-2025. https://doi.org/10.1590/0037-8682-0007-2025







