Der größte Süßwasserfisch der Welt?
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Dass der Walhai der größte Meeresfisch ist, wissen wohl die meisten von uns. Doch welcher ist der größte Süßwasserfisch der Welt? Die Frage ist komplexer als es scheint.
Was es komplizierter macht: Es gibt im Süßwasser nicht DIE EINE eindeutig größte Fischart. Je nachdem, wen man überhaupt mitzählt, kommen verschiedene Arten infrage – und die unterscheiden sich erheblich.
Beschränkt man sich auf echte Süßwasserfische, zählt ein gigantischer Rochen aus Südostasien zu den Top-Favoriten. Bezieht man dagegen Wanderfische mit ein, verschiebt sich das Bild deutlich – dann dominieren urtümliche Giganten aus einer ganz anderen Gruppe.
Wanderfische: Giganten zwischen Meer und Fluss
Ein Teil der größten „Süßwasserfische“ lebt eigentlich im Meer und nutzt Flüsse nur zur Fortpflanzung oder umgekehrt.
Sogenannte anadrome Arten wie der Atlantische Lachs (Salmo salar) leben die meiste Zeit im Meer und wandern zum Laichen ins Süßwasser. Katadrome Arten wie der Europäische Aal (Anguilla anguilla) machen es umgekehrt. Sie bewohnen die Flüsse und ziehen erst zum Laichen ins Meer.
Der größte Vertreter dieser Wanderfische ist der Europäische Hausen (Huso huso), auch Beluga-Stör genannt. Ursprünglich erreichte diese Art mehr als 1.500 Kilogramm Gewicht und mehr als 7 Meter Länge. Heute sind solche Größen jedoch kaum noch anzutreffen: Durch Überfischung und Flussverbauung bleiben die meisten Tiere deutlich kleiner und die Art gilt als stark bedroht. Restvorkommen existieren vor allem noch im Schwarzen und im Kaspischen Meer.
Der Hausen ist also der größte im Süßwasser anzutreffende Fisch, aber eben nicht der größte "reine" Süßwasserfisch.
Euryhaline Arten: flexibel statt gebunden
Daneben gibt es Arten, die sowohl Salz- als auch Süßwasser tolerieren. Diese Fähigkeit nennt man Euryhalinität.
Ein prominentes Beispiel ist der bis zu vier Meter lange und über 300 Kilogramm schwere Bullenhai (Carcharhinus leucas). Er kann hunderte Kilometer in Flusssysteme vordringen und dort auch dauerhaft leben. Anders als Wanderfische nutzt er diesen Wechsel jedoch nicht zur Fortpflanzung, sondern opportunistisch – etwa zur Nahrungssuche oder zum Schutz der Jungtiere.
Auch solche Arten werden gelegentlich in Ranglisten genannt, gehören aber streng genommen wie die Wanderfische nicht zu den echten Süßwasserfischen.
Passend zum Thema: Gibt es Haie im Süßwasser?
Die größten ECHTEN Süßwasserfische – zwei Arten an der Spitze
Wenn man konsequent nur Arten betrachtet, die ihr gesamtes Leben im Süßwasser verbringen, teilen sich zwei asiatische Fischarten den Platz an der Spitze, gefolgt von einem Südamerikaner:
Platz 1 (geteilt): Der Riesen-Süßwasserrochen (Urogymnus polylepis)
Der Riesen-Süßwasserrochen erreicht fast 300 Kilogramm Gewicht* und kann 4 Meter lang werden. Mit seinem flachen, scheibenförmigen Körper liegt er oft gut getarnt am Gewässergrund und wirkt zunächst unscheinbar – bis man seine gewaltigen Ausmaße erkennt. Ein 2022 von Wissenschaftlern in Kambodscha gefangenes Exemplar wog 293 Kilogramm und gilt als schwerster bisher dokumentierter Süßwasserfisch (siehe BBC-Bericht). Es wurde mit einem Sender versehen und wieder freigelassen.
Er lebt in großen Flusssystemen Südostasiens, vor allem im Mekong, und ernährt sich von Fischen, Krebstieren und anderen Bodenbewohnern. Seine enorme Körpermasse, kombiniert mit der versteckten Lebensweise, macht ihn zu einem der eindrucksvollsten, aber zugleich am wenigsten bekannten Giganten der Süßgewässer.
Platz 1 (geteilt): Der Mekong-Riesenwels (Pangasianodon gigas)
Kaum weniger beeindruckend ist der Mekong-Riesenwels, einer der größten Knochenfische im Süßwasser. Wie der Riesen-Süßwasserrochen kann auch er 300 Kilogramm erreichen. Mit bis zu 3 Metern Länge bleibt er jedoch deutlich kürzer als der Rochen, da seine Körpermasse in einem kompakteren, massigeren Körper konzentriert ist.
Er lebt ausschließlich im Mekong-System und ernährt sich überwiegend pflanzlich, was für einen Fisch dieser Größe ungewöhnlich ist. Heute ist er extrem selten geworden – ein Opfer von Überfischung und Flussverbauung.
Die beiden größten Arten – Riesenrochen und Mekong-Riesenwels – liegen praktisch gleichauf an der Spitze.
Platz 3: Der Arapaima (Arapaima gigas)
Der Arapaima aus dem Amazonasgebiet belegt mit Höchstmaßen von immerhin 200 Kilogramm Gewicht und 3 Metern Länge Platz 3 unter den größten Süßwasserfischen. Sein langgestreckter Körper und die großen, schuppenartigen Panzerplatten verleihen ihm ein urtümliches Erscheinungsbild. Er jagt andere Fische und muss regelmäßig an die Wasseroberfläche kommen, um Luft zu holen – eine seltene Anpassung, die ihm das Überleben in sauerstoffarmen Gewässern ermöglicht.
Warum werden Süßwasserfische überhaupt so groß?
Auf den ersten Blick wirkt es überraschend, dass gerade Flusssysteme einige der größten Fische der Welt hervorbringen. Tatsächlich kommen hier mehrere Faktoren zusammen.
Große Flüsse wie der Amazonas oder der Mekong bieten vergleichsweise stabile, nährstoffreiche Lebensräume mit reichlich Nahrung. Gleichzeitig können viele Arten über Jahrzehnte hinweg wachsen, da sie eine hohe Lebenserwartung haben und ihr Wachstum lange anhält.
Hinzu kommt, dass große, ausgewachsene Tiere kaum noch natürliche Feinde haben. Ist eine bestimmte Größe erreicht, sinkt der Prädationsdruck deutlich und sie können ungehinderter weiterwachsen.
Eine entscheidende Rolle spielt zudem die Lebensstrategie dieser Arten: Sie wachsen lange, werden erst spät geschlechtsreif und bringen vergleichsweise wenige Nachkommen hervor. Diese Ausrichtung ermöglicht es, Energie über viele Jahre in Körperwachstum statt in schnelle Vermehrung zu investieren.
Warum die größten Fische immer seltener werden
Auffällig ist, dass viele der größten Süßwasserfische heute stark bedroht sind.
Der Mekong-Riesenwels gilt als extrem selten** und ist durch Überfischung sowie den Bau von Staudämmen massiv unter Druck geraten. Ähnlich ergeht es dem Riesen-Süßwasserrochen, der häufig als Beifang gefangen wird und zusätzlich unter der Zerstörung seines Lebensraums leidet.
Auch der Arapaima wurde in vielen Regionen stark befischt. Zumindest in Teilen des Amazonas konnten sich die Bestände durch Schutzmaßnahmen und kontrollierte Nutzung jedoch wieder stabilisieren.
Eine besondere Stellung nimmt der Hausen bzw. Beluga-Stör ein: Als anadromer Wanderfisch gehört er streng genommen nicht zu den reinen Süßwasserarten, wird aber häufig im gleichen Zusammenhang genannt. Er zählt mit seinen bis zu 1,5 Tonnen Gewicht zu den größten Fischen überhaupt und ist vor allem durch die jahrzehntelange Kaviarfischerei sowie den Verlust seiner Laichgebiete – etwa durch Staustufen in der Donau – stark zurückgegangen.***
Was diesen Arten in der Evolution zum Vorteil gereicht hat, wird ihnen heute unter menschlichem Einfluss zum Verhängnis: Ihr langsames Wachstum und die späte Geschlechtsreife ermöglichen zwar enorme Körpergrößen, führen aber auch dazu, dass sich überfischte Bestände nur sehr langsam erholen können.
Werden große Tiere gefangen, bevor sie sich fortpflanzen, fehlt der Nachwuchs – und ganze Populationen können innerhalb weniger Jahrzehnte zusammenbrechen.
Ein Blick nach Europa
Auch Europa hat einen „Giganten“: den Wels (Silurus glanis), in Bayern auch Waller genannt.
Mit einer Maximallänge von über 3 Metern und einem Gewicht von bis zu 130 Kilogramm ist er der größte echte Süßwasserfisch Europas. Sein langgestreckter, schuppenloser Körper und das breite Maul mit den auffälligen Barteln machen ihn zu einem typischen nachtaktiven Räuber. Der Wels ist ein opportunistischer Jäger und frisst neben Fischen auch Amphibien, Wasservögel und kleine Säugetiere. In den letzten Jahren hat er durch spektakuläre Beobachtungen – etwa jagende Welse in flachen Uferbereichen – verstärkt Aufmerksamkeit in den Medien bekommen.
Vereinzelt kam es dabei auch zu Zwischenfällen mit Badenden, bei denen Welse Menschen berührten oder in die Füße bissen – meist im Zusammenhang mit Revierverhalten während der Fortpflanzungszeit und ohne ernsthafte Gefährdung.
Besonders in warmen Sommern profitiert der Wels von hohen Wassertemperaturen und nimmt in vielen Gewässern zu – eine Entwicklung, die auch mit langfristig steigenden Temperaturen in Verbindung gebracht wird; zugleich verlängern sich die Wachstumsphasen, sodass einzelne Tiere größere Größen erreichen.
Im globalen Vergleich bleibt der Waller jedoch deutlich hinter den tropischen Großfischen zurück.

Warum im Netz unterschiedliche Ranglisten kursieren
Viele widersprüchliche Angaben entstehen, weil unterschiedliche Dinge miteinander vermischt werden:
Wanderfische und echte Süßwasserarten werden nicht unterschieden und statt des Gewichts wird die Länge herangezogen, was aufgrund unterschiedlicher Körperformen irreführend sein kann.
Erst durch eine saubere Trennung dieser Aspekte kann die Frage nach dem größten Süßwasserfisch überhaupt fundiert beantwortet werden.
Fazit
Die größten echten Süßwasserfische der Welt sind der Riesen-Süßwasserrochen und der Mekong-Riesenwels, die beide Gewichte von rund 300 Kilogramm erreichen und in den großen Flusssystemen Südostasiens vorkommen.
Mit einigem Abstand folgt der Arapaima aus dem Amazonasgebiet, der bis etwa 200 Kilogramm erreicht.
Der Beluga-Stör wird zwar häufig als größter Süßwasserfisch genannt und kann mit über 1.500 Kilogramm deutlich größere Dimensionen erreichen, gehört als anadromer Wanderfisch jedoch streng genommen nicht in diese Gruppe.
Quellen
* Hogan, Z. et al. (2022): World’s largest freshwater fish discovered in Mekong. https://doi.org/10.1038/d41586-022-01785-x
** IUCN Red List (aktueller Stand): Huso huso, Pangasianodon gigas. https://www.iucnredlist.org
*** Billard, R., Lecointre, G. (2001): Biology and conservation of sturgeon and paddlefish. https://doi.org/10.1023/A:1012231526151








