Begehen Lemminge wirklich Massenselbstmord? Die Wahrheit hinter dem Mythos
- 27. Apr.
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Kaum ein Tiermythos ist so bekannt wie der angebliche Massenselbstmord der Lemminge. Immer wieder wird behauptet, die kleinen Nager würden sich in großen Gruppen absichtlich von Klippen stürzen. Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch um eine Fehlinterpretation natürlichen Verhaltens – verstärkt durch mediale Inszenierung.
Was ist ein Lemming überhaupt?
Lemminge sind Nagetiere aus der Familie der Hamsterverwandten und gehören zur Unterfamilie der Wühlmäuse. Weltweit existieren mehrere Gattungen mit insgesamt etwa 20 Arten, die die Tundren Skandinaviens, Sibiriens und Nordamerikas bewohnen.
Zu den bekanntesten Vertretern zählt der Norwegische Lemming, der in Skandinavien heimisch ist und häufig als Beispiel für die Gruppe dient.
Lemminge erreichen je nach Art eine Körperlänge von 10 bis 15 Zentimetern. Sie leben überwiegend verborgen in Tunnelsystemen unter Schnee oder Vegetation und ernähren sich vor allem von Gräsern, Moosen und Wurzeln.
Charakteristisch sind ihre ausgeprägten Populationszyklen: In Abständen von etwa drei bis vier Jahren kommt es zu starken Bestandszunahmen, gefolgt von deutlichen Einbrüchen. Diese Dynamik ist ein zentraler Bestandteil arktischer Ökosysteme.
Der Mythos vom Massenselbstmord
Die Vorstellung, Lemminge würden sich absichtlich in den Tod stürzen, ist wissenschaftlich nicht haltbar. Ein solches Verhalten ist in der Biologie nicht belegt.
Der Mythos beruht auf Beobachtungen von Massenwanderungen während Phasen hoher Populationsdichten. In solchen Situationen verlassen viele Tiere ihre angestammten Lebensräume und legen teils große Strecken zurück. Dabei überwinden sie auch natürliche Hindernisse wie Flüsse oder Seen.
Obwohl Lemminge grundsätzlich schwimmen können, kommt es dabei regelmäßig zu Verlusten. Einzelne Tiere ertrinken dabei oder kommen durch andere Gefahren ums Leben.
Diese Todesfälle sind jedoch unbeabsichtigte Folgen der Migration und kein gezieltes Verhalten. Dennoch wurden sie fälschlich als bewusster „Massenselbstmord“ interpretiert.
Wie der Mythos entstand
Der Mythos ist zwar alt, war jedoch lange Zeit nicht sehr bekannt. Dies änderte sich 1958 mit Erscheinen des Disney-Dokumentarfilms Weiße Wildnis (White Wilderness). Er sorgte für die weltweite Verbreitung des Lemming-Mythos. Die im Film gezeigten Bilder suggerieren, Lemminge würden sich in großen Gruppen bewusst von Klippen in den Tod stürzen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine gezielte Inszenierung.
Für die Dreharbeiten wurden die Tiere nicht in ihrer natürlichen Umgebung gefilmt, sondern gekauft und an einen Drehort in Kanada gebracht. Dort wurde der Anschein einer Massenwanderung erzeugt, indem die Lemminge auf engem Raum zusammengetrieben wurden.
Die zentrale Szene entstand, indem die Tiere aktiv an eine Kante gedrängt wurden. Der anschließende Sturz ins Wasser führte zum Tod vieler Tiere, insbesondere durch Ertrinken.
Aus heutiger Sicht ist klar: Hier wurde kein natürliches Verhalten dokumentiert, sondern ein Ablauf geschaffen, bei dem der Tod der Tiere bewusst herbeigeführt wurde, um spektakuläre Filmaufnahmen zu erzeugen.* Nach heutigen Tierschutz-Maßstäben natürlich undenkbar.
Der Film erhielt 1959 sogar den Oscar für den besten Dokumentarfilm. Gerade diese Auszeichnung trug wesentlich dazu bei, den inszenierten Inhalt als scheinbar authentische Naturbeobachtung zu legitimieren. Durch die enorme Reichweite verbreitete sich die falsche Darstellung weltweit und hält sich bis heute hartnäckig im kollektiven Bewusstsein.
Biologische Einordnung
Aus biologischer Sicht sind die Wanderungen der Lemminge ein klassisches Beispiel für dichteabhängige Regulation. Wenn die Population stark anwächst, steigen Konkurrenzdruck und Nahrungsmangel. Die Abwanderung reduziert diese Belastung und ermöglicht es einem Teil der Population, neue Lebensräume zu erschließen.
Solche Prozesse sind in vielen Tierarten zu beobachten und stellen einen normalen Bestandteil ökologischer Dynamik dar – auch wenn sie mit hohen Verlusten verbunden sein können.
Fazit
Lemminge begehen keinen Massenselbstmord. Der Mythos beruht auf einer Fehlinterpretation natürlicher Wanderbewegungen und wurde durch inszenierte Filmaufnahmen massiv verstärkt. Der zugrundeliegende Disney-Film gilt heute als Negativbeispiel für "Fake-Dokus".
Quelle:
* Encyclopaedia Britannica. (o. J.). Do lemmings really commit mass suicide? Abgerufen am 27. April 2026, von https://www.britannica.com/story/do-lemmings-really-commit-mass-suicide





