Wie hoch fliegen Vögel?
- 30. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Wohl jeder hat schon einmal einen Greifvogel als winzigen Punkt hoch am Himmel kreisen sehen und sich gefragt: "Wie hoch fliegt der jetzt eigentlich?"

Eine einfache Antwort gibt es nicht. Die Flughöhe hängt davon ab, welche Vogelart unterwegs ist und warum. Manche bleiben fast immer in Bodennähe, andere steigen während des Vogelzugs auf mehrere tausend Meter auf. Und ein Vogel hält sogar einen Rekord, der ihn auf die Reiseflughöhe eines Verkehrsflugzeugs bringt.
Die meisten unserer Gartenvögel fliegen erstaunlich niedrig
Wer Amseln, Kohlmeisen oder Haussperlinge beobachtet, sieht sie oft nur wenige Meter über dem Boden oder zwischen Bäumen und Sträuchern fliegen. Das hat einen einfachen Grund: Dort finden sie Nahrung, Nistplätze und Schutz vor Feinden.
Erstaunlicherweise gibt es für diese häufigen Vogelarten kaum belegte Angaben über typische Flughöhen in Metern. Ornithologen untersuchen bei ihnen vor allem Brutbiologie, Zugverhalten oder Bestandsentwicklung – nicht die Höhe einzelner Flüge. Deshalb wäre es unseriös, hier scheinbar exakte Höhenangaben zu nennen.
Bei den meisten Gartenvögeln bestimmt also vor allem ihr Lebensraum, wie hoch sie fliegen. Doch nicht alle Vogelarten bleiben in Bodennähe. Große Greifvögel wie den Rotmilan (Milvus milvus) sieht man häufig in beeindruckender Höhe ihre Kreise ziehen.
Warum steigt ein Rotmilan so hoch?
Aber wenn man so einen Rotmilan beobachtet und nur als kleinen Punkt hoch über Feldern kreisen sieht, fragt man sich: "Was will der Vogel da oben überhaupt?" Man könnte vermuten, der Greifvogel steige so hoch auf, um Beutetiere oder Aas besser erkennen zu können. Doch ist das nicht der Hauptgrund. Der Rotmilan nutzt aufsteigende Warmluft, sogenannte Thermik, um fast ohne Flügelschlag Höhe zu gewinnen. Anschließend gleitet er oft wie ein Segelflugzeug kilometerweit weiter, ohne dabei nennenswert Energie zu verbrauchen.
Die eigentliche Nahrungssuche jedoch findet meist deutlich tiefer statt. Eine GPS-Telemetriestudie mit mehr als 11 Millionen Positionsdaten zeigte, dass sich Rotmilane bei der Nahrungssuche vor allem zwischen 5 und 60 Metern über dem Boden bewegen. Größere Höhen wurden deutlich seltener genutzt – meist dann, wenn die Tiere längere Strecken zurücklegen wollten.* Beim Rotmilan dient die große Flughöhe also vor allem dazu, Energie zu sparen.

Warum fliegen Schwalben manchmal höher? Stimmt die Bauernregel?
Eine alte Bauernregel sagt: „Fliegen die Schwalben hoch, wird das Wetter schön.“ Ganz unsinnig ist die Regel keineswegs. Rauchschwalben (Hirundo rustica) folgen den fliegenden Insekten, von denen sie sich ernähren. Steigen diese bei bestimmten Wetterlagen höher auf, folgen ihnen auch die Schwalben. Sinken die Insekten dagegen in Bodennähe, jagen auch die Vögel tiefer. Zudem transportieren warme Aufwinde an schönen Tagen unzählige Kleininsekten in die Höhe, während wandernde Fluginsekten sogar gezielt Luftschichten von mehreren hundert Metern nutzen, um große Distanzen zurückzulegen.**
Doch ob Rotmilan oder Rauchschwalbe – beide wählen ihre Flughöhe danach, was ihnen im Alltag den größten Vorteil bringt. Während des Vogelzugs allerdings gelten noch einmal andere Regeln. Dann geht es darum, möglichst energiesparend große Entfernungen zurückzulegen.
Warum steigen Zugvögel so hoch auf?
In größeren Höhen profitieren Zugvögel häufig von günstigeren Windverhältnissen. Rückenwind kann den Energieverbrauch massiv senken. Günstige Luftströmungen sind sehr hilfreich, um weite Strecken möglichst effizient zurückzulegen. Zudem müssen einige Arten Gebirge wie die Alpen oder gar den Himalaya überwinden.
Ein bekanntes Beispiel ist die Streifengans (Anser indicus). Eine GPS-Studie zeigt, dass sie den Himalaya meist nicht höher als 6.300 Meter überfliegt. Um die allerhöchsten Gipfel zu umfliegen, nutzt sie gezielt niedrigere Gebirgspässe. Trotzdem ist das eine beachtliche Leistung: Die Tiere können den Himalaya innerhalb eines Tages überqueren und dabei mehrere Tausend Höhenmeter überwinden.***

Selbst diese beeindruckenden Leistungen markieren jedoch noch nicht die Grenze des Möglichen. Den höchsten wissenschaftlich dokumentierten Vogelflug erreichte eine ganz andere Art.
Ein Geier hält den offiziellen Weltrekord
Genauer gesagt der Rüppell-Geier (Gyps rueppellii), oft auch Sperbergeier genannt.
Am 29. November 1973 kollidierte ein Vogel dieser Art über Abidjan (Elfenbeinküste) mit einem Verkehrsflugzeug in 11.277 Metern Höhe! Die Überreste des Vogels, der leider nicht überlebt hatte, wurden anschließend eindeutig bestimmt. Der Vorfall gilt als der höchste wissenschaftlich dokumentierte Vogelflug. Bis heute wurde kein höher fliegender Vogel wissenschaftlich nachgewiesen.****
Wie überlebt ein Vogel in 11 Kilometern Höhe?
In rund elf Kilometern Höhe herrschen Temperaturen von etwa –50 °C. Außerdem ist die Luft dort so sauerstoffarm, dass Menschen ohne Druckkabine oder Sauerstoffversorgung rasch das Bewusstsein verlieren würden.
Der Rüppell-Geier besitzt mehrere Varianten des Bluteiweißes Hämoglobin, die Sauerstoff unterschiedlich gut binden können. Diese molekulare Anpassung erlaubt es seinem Körper, selbst in der extrem dünnen Höhenluft noch ausreichend Sauerstoff aufzunehmen.*****
Fazit
Die Flughöhen von Vögeln können sehr unterschiedlich sein. Das ist kein Zufall, sondern eine Anpassung an die jeweilige Lebensweise. Gartenvögel bleiben meist in Bodennähe, weil dort Nahrung und Deckung zu finden sind. Rotmilane gewinnen mit Hilfe der Thermik Höhe, um anschließend energiesparend zu gleiten. Schwalben folgen den fliegenden Insekten auch in große Höhen, und Zugvögel nutzen günstige Winde, um lange Strecken möglichst effizient zurückzulegen. Den Rekord hält bis heute der Rüppell-Geier: Mit einer wissenschaftlich dokumentierten Flughöhe von 11.277 Metern erreichte er beinahe die Reiseflughöhe eines Verkehrsflugzeugs.
Quellen
* Pfeiffer, T., & Meyburg, B.-U. (2022). Flight altitudes and flight activities of adult Red Kites (Milvus milvus) in the breeding area as determined by GPS telemetry. Journal of Ornithology, 163, 867–879. https://doi.org/10.1007/s10336-022-01994-1
** Chapman, J. W., Reynolds, D. R., & Wilson, K. (2015). Long-range seasonal migration in insects: mechanisms, evolutionary drivers and ecological consequences. Ecology Letters, 18(3), 287–302. https://doi.org/10.1111/ele.12407
*** Hawkes, L. A., et al. (2011). The trans-Himalayan flights of bar-headed geese (Anser indicus). Proceedings of the National Academy of Sciences, 108(23), 9516–9519. https://doi.org/10.1073/pnas.1017295108
**** Laybourne, R. C. (1974). Collision between a Vulture and an Aircraft at an Altitude of 37,000 Feet. The Wilson Bulletin, 86(4), 461–462.
***** Hiebl, I., Braunitzer, G., & Schneegaß, D. (1987). High-altitude respiration of birds. Structural adaptations in the major and minor hemoglobin components of adult Rüppell’s Griffon (Gyps rueppellii, Aegypiinae): a new molecular pattern for hypoxic tolerance. Biological Chemistry Hoppe-Seyler, 368, 1559–1569.




